Back to the future II

‚Frischer Wind für Augsburg‘
von Florian Verne

Die vergangenen sechs Jahre mit der Polit-WG haben die Stadt grundlegend verändert

Mit dem frischen Wind ist es ja immer so eine Sache.
Klingt wunderbar, ist er ja auch. Aber bisweilen nervt es dann doch, wenn einem ständig die Unterlagen vom Tisch geblasen werden. Auf der anderen Seite bekommen die Dinge so ganz automatisch eine komplett neue Ordnung…

Als die Polit-WG quasi von null auf hundert startete und nach der Kommunalwahl im März 2014 vollkommen überraschend die stärkste Fraktion im Augsburger Stadtrat stellte, war es, als ob alle Einwohner der Stadt gleichzeitig die Fenster aufgerissen hätten. Das schafft Durchzug. Das ist anstrengend.

In den letzten sechs Jahren gab es immer wieder Ansätze, die Fenster zu schließen, doch – auch das muss lobend erwähnt werden – die Augsburger haben durchgehalten. Und sich mittlerweile schlicht und einfach daran gewöhnt, dass hier die Sachen etwas anders laufen.

Im Vorfeld der Wahlen 2020 sollte man sich unbedingt noch einmal daran erinnern, in was für einer Situation wir 2014 gestartet sind: Die Parteien des Stadtrats waren in einem vor allem für ein Kommunalparlament ungewöhnlichen Ausmaß zerstritten, der Regierungsstil sorgte immer wieder für Fassungslosigkeit unter Oppositionsmitgliedern und politisch Interessierten. Insbesondere der Kulturreferent stand die ganze Wahlperiode lang in der Kritik, prominente Abgänge, Spaltungen, Zwistigkeiten und Fraktionsausschlüsse im Regierungslager konnten nur durch den fortwährenden Einsatz des Oberbürgermeisters als Feuerwehrmann kompensiert werden, es gab nahezu kein Vorhaben, das nicht irgendwann »Chefsache« wurde, weil es zu scheitern drohte.

Und jetzt? Nach dem ersten Schock und der anfänglichen Häme über die »Politanfänger« haben sich alle Volksvertreter erstaunlich schnell auf die Vorgehensweise geeinigt, welche als einzig sinnvolle erschien: konsequente Zusammenarbeit und Einbeziehung der Bürgerschaft. Das Öffnen der städtischen Gremien und Ausschüsse war für viele Augsburger nach kurzer Scheu ein geradezu euphorischer Anlass, das Rathaus als das zu sehen und zu nutzen, was es sein sollte: ein Ort der Beteiligung, in dem Bürger und Politiker an der Seite von Fachleuten die beste Lösung suchen und diesen Weg dann gemeinsam gehen – oft gegen immense Widerstände, die ein solcher Politikstil nicht zuletzt von außen erfährt.

Und seitdem? Haben wir so lange den Atem angehalten, bis wir gemerkt haben, dass man ihn gar nicht mehr anhalten muss! Jeder Augsburger kennt die Situation, dafür reicht schon ein Ausflug nach München. Dass sich die Landeshauptstadt immer noch vom Autoverkehr terrorisieren lässt, ist aus unserer Sicht ein vollkommen unverständlicher Anachronismus. In Augsburg fühlen sich manche schon belästigt durch zu lautes Fahrradklingeln während der Straßenperformance.

Überhaupt, die Innenstadt! Die ist nun wirklich kaum mehr wiederzuerkennen. Zwar hat das Kulturzentrum im ehemaligen LMZ in der Maxstraße nicht im Handumdrehen alle Auswüchse der kommerziellen »Erlebnisgastronomie« beseitigt, aber dass die gestiegene Präsenz der selbstbewussten Kulturschaffenden und -genießenden einen mehr als günstigen Einfluss auf die frühere Partymeile hat, haben längst auch die Anwohner erkannt. Und spätestens mit dem Skate-Park ist der Kö wirklich ein Platz für alle geworden.

Von Gentrifizierung ist in vielen »gefährdeten« Vierteln keine Rede mehr dank einer klugen Vergabepolitik von Bauaufträgen, die mittlerweile sogar für bundesweite Aufmerksamkeit und regen Zuspruch nationaler und internationaler Stararchitekten geführt hat. In Augsburg steht nicht der Geldbeutel der zukünftigen Bewohner, sondern die komplette Stadtgesellschaft im Mittelpunkt der Planungen, das Baureferat ist bisweilen sogar gefürchtet wegen des rigorosen Umgangs mit den Betonfürsten früherer Jahre und ihren seelenlosen Wohnanlagen, deren künstliche Herzen wenn überhaupt nur im Penthouse schlagen.

Natürlich gab es auch Verluste, die Ruine der Citygalerie werden wir wohl noch eine Weile ertragen müssen, doch die vielen kleinen Läden und Werkstätten in der Altstadt sind schon allein aus touristischer Sicht eine mehr als gleichwertige Entschädigung. Das Bizarre daran: In der Altstadt erinnert die Geräuschkulisse wieder eher an mittelalterliche Zeiten – an den letzten Polizeieinsatz kann sich jedoch kaum ein Bewohner mehr erinnern.

Dass in Augsburg der ÖPNV nach sechs Jahren vollkommen kostenlos sein würde, war wohl nicht zu erwarten, doch statt eines aufwendigen und diskriminierenden Sozialtickets wurde mit dem »Fugger to ride« – der preiswerten Jahreskarte für alle Augsburger – ein Angebot eingeführt, das weltweit seinesgleichen sucht und zuletzt mit über 100.000 verkauften Exemplaren die Finanzierung in Rekordzeit sicherstellte. Das nur, um die wichtigsten Punkte zu nennen.

Die Polit-WG hat aus unserer Stadt eine große Wohngemeinschaft gemacht – und genau betrachtet: Was ist eine Stadt denn anderes? Da wird natürlich manchmal gestritten, wer den Müll runterbringt und wer wieder den Joghurt aus dem Kühlschrank gemopst hat, aber an die vergangenen sechs Jahre könnte man sich einmal erinnern wie an die gute, alte Studentenzeit: aufregend, anstrengend, spannend, gespickt mit Abenteuern und neuen Bekanntschaften, natürlich auch Niederlagen, aber mindestens ebenso grandiosen Erfolgen und Festen. Wir haben – um im Bild zu bleiben – die Zwischenprüfung mit Bravour geschafft, jetzt aufzugeben wäre schlicht und einfach töricht. Die Augsburger haben gelernt, wie schön es sein kann, während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen und sind dadurch an ein Ziel gekommen, von dem beide – Politik und Bürger – gar nicht wussten, dass es auf der Karte ist. Den Fahrtwind spürt man halt nur durchs offene Fenster, lassen Sie uns bitte nicht wieder olle die Klimaanlage einschalten, schon gar nicht im Frühling!

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*Wie bitte?

Wir erinnern uns: 2014 – Die Heimatzeitung reagierte verschnupft auf die Polit-WG Wahlkampfzeitung „Augsburg Allgemein“, der Zukunftsausgabe einer fiktiven Augsburger Tageszeitung, datiert auf den März 2020.

„Augsburg Allgemein“ skizzierte, wie Augsburg nach 6 Jahren unter einer Regierung der Polit-WG aussehen würde.

Die Heimatzeitung ließ es sich nicht nehmen die Verbreitung dieses „Konkurrenzprodukts“ mit juristischen Schritten, incl. Einstweiliger Verfügung, einer Strafandrohung über 250.000 €, zu unterbinden. Satire kann teuer werden.

Wir haben uns entschlossen unsere Visionen für Augsburg 2020 als digitalen Rückblick in loser Folge zugänglich zu machen. Auf die beanstandete Printform verzichten wir – bis auf weiteres.

Wir finden es spannend und schön, dass sich die Themen der Polit WG von 2014 nun in einer ganzen Reihe aktueller Wahlprogamme der Mitbewerberinnen wiederfinden.

Polit-WG

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